Was für ein merkwürdiges Erlebnis, nach Jahren noch einmal in Hohenems zu sein, dem Städtchen, in dem ich nach einer Recherchereise das Leben der Erbtante aus meinem Roman "Leben Lieben Erben" verortet habe. Fiktion und Wirklichkeit mischten sich in meinem Kopf auf sonderbare Weise. Schon wollte ich die Tante auf dem Friedhof besuchen, als mir klar wurde, dass sie dort nur in meiner Fantasie beerdigt ist. Und als ich sah, dass das Haus eingerüstet war, das mir als Vorbild für ihre Villa gedient hatte, war ich an Stelle der Tante empört. Die Psychologie weiß ja schon länger, dass unsere Erinnerung nicht unbedingt den Fakten entspricht. Aber dass sich angesichts der Orte in Hohenems meine Fiktion lebendiger anfühlte als die Fakten, das lässt mich mit neuem Blick auf Politiker blicken, welche sich die Realität zurechtbiegen. Es sind gar keine Lügner, es sind Romanautoren, die ihrer Fantasie mehr glauben als der Wirklichkeit.
Luise und der Impftermin . Anfang Januar ist Luise 80 geworden. Die geplante Feier zum runden Geburtstag wurde Corona bedingt ins Internet verlegt. "Wenigstens gehörst du nun zur priorisierten Impfgruppe" sagt Luises Sohn Richard und prostet ihr über Zoom zu. "Das ist auch so ein Unsinn!" poltert Luise. Sie findet, dass zuerst die geimpft werden sollten, die den Laden am Laufen halten, Pflegepersonal zum Beispiel, Polizei, Feuerwehr, Busfahrer, Lehrer... Dann aber bekam sie eine offizielle briefliche Aufforderung, sich telefonisch zum Impfen anzumelden. Also wählt Luise die angegebene Nummer. Nach längerem Warten bekommt sie die Antwort, dass es keine Impftermine gebe. Auch ihrer Bitte, vorgemerkt zu werden, kann leider nicht entsprochen werden. Sie müsse wieder anrufen, oder sich online registrieren. Also geht Luise ins Internet, findet dort aber nur weit entfernt gelegene Impfzentren. Luise wundert sich. Sie hat Friedrichshafen...
Der Sommer war heiß und lang, da habe ich viel gelesen... "Schönwald" von Philip Oehme hat mir so gut gefallen, dass ich das Buch hier empfehlen möchte. Der Roman ist auf den Punkt zeitgeistig. Er spiegelt auf unterhaltsam spannende Weise die ganze Verwirrung zwischen political correctness, identitärer Protestkultur, Poststrukturalismus und neuer Rechter, indem er einige Tage im Leben der gutbürgerlichen Familie Schönwald erzählt. Die Geschichte beginnt spektakulär, mit dem ältesten Sohn, einem ehemals linken Professor in New York, der sich, wegen der Verstrickung in eine Me-Too-Affäre gefeuert, von der Alt Right Bewegung anwerben ließ, und nicht weiß, wie er das seiner Familie beibringen soll. Man trifft sich in Berlin zur Eröffnung des queeren Buchladens seiner Schwester. Farbbeutel treffen die Schaufensterscheibe. Das Geld für den Laden stammt vom deutschen Großvater, angeblich einem Nazi. Die Protestierenden, in Berlin geborene POCs (People of Colour), brauchen dafü...
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