Frühjahrsfahrt über die Alpen.
Der Bus durchquert Österreich auf der kürzesten Strecke, zumeist unterirdisch, im Pfändertunnel. Kurz danach schon die Schweiz, kein EU-Land. Wir passieren die Grenze trotzdem ohne Halt. Als Gruppenreisende sind wir keine Kandidaten für Geldschmuggel. Durchs alte Rheintal sehen wir auf Liechtenstein, das Land der Briefkastenfirmen. Im Zuge neuer Steuerehrlichkeit soll sich das ändern, habe ich gelesen. Doch da wird wohl noch einiges an Wasser durch den vorderen Rhein, den hinteren Rhein und den Rhein jenseits vom Bodensee fließen.
Nun ist die erste Pause angesagt, im "Heidiland". Ich hatte anderes erwartet als eine zwischen Straßen eingezwängte Raststätte. Immerhin erscheinen, wenn man eine Münze einwirft, die Figuren von Heidi und Peter auf den Balkon und singen. Zum Zweck der Pause geht es nach unten. Der Automat zu den Erfrischungsräumen schluckt wahlweise einen Euro oder einen Schweizer Franken. Hinter dem Drehkreuz sieht man eine Reihe von Klotüren im Stall-Look, resopalbeschichtet. Wasserhähne, die den Rinnen an Almbrünnchen nachempfunden sind, sowie ein Korb mit Heu-Deko vollenden die magere Illusion.
Weiter durchs wilde Graubünden: Thusis, Via Mala, finstere Geschichten von Mord und Totschlag, Inzest und Gier flitzen vorbei wie der Blick in die Schlucht. Der Busfahrer nimmt die enge Kurve und witzelt "Soll ich näher ranfahren?" Ein paar Damen belohnen ihn mit einer Reaktion.
Geradeaus, ein spektakulärer Berg, blendendes Weiß. Ich verdrehe den Hals, um ihn im Auge zu behalten. Hinter dem, was man sieht, sagt der Busfahrer, liegt das Skigebiet Arosa. Das Dorf zur Linken heiße Zillis. Die Deckenmalerei in der romanischen Kirche sei aus dem 9. Jahrhundert.
Das menschliche Hirn will gefüttert werden.
Im Bernhard-Tunnel fällt mir die blaue Markierung der Leselämpchen auf. Sie steht im Kontrast zur vorbeiflirrenden Tunnelbeleuchtung und dem spiegelnden Rot der Rücklichter. Die Scheinwerfer der entgegenkommenden Autos streifen unter Augenhöhe vorbei. Im Bus sitzen wir über dem Verkehr. Das gibt ein Gefühl von Sicherheit, ebenso wie das Geräusch friedlich plätschernder Gespräche. Natürlich könnte sich diese Sicherheit als trügerisch erweisen, aber dann könnte man eh nichts machen. Als Passagier ist man der Verantwortung enthoben. Auszeit.
Vor mir im Gang steht nun eine Frau. Sie redet auf eine Sitzende hin. Durch das Fahrgeräusch dringen die Worte Musik, Mann, Hospiz, er wollte noch... Schwere Sachen lassen sich leichter benennen, wenn man in einem ruckelnden Gang steht, zwischen zwei Welten.
Der San Berhardino ist nicht nur eine Wasser- sondern auch eine Sprachscheide. Ab da wird italienisch gesprochen. Im Tessin beginnt die Fremde, kein Rhein mehr, hier geht es hinunter zum Po. In der Höhe ist das Gras noch braun, platt an den Boden gedrückt. Im Schatten rissige Schneebretter. Die Stauseen abgelassen, damit sie die Schneeschmelze aufnehmen können.
Im Mesoccotal bekommen die Wiesen Farbe. Weiß blühende Bäume, sind es Wildkirschen? Mit jeder Kurve, die uns nach unten bringt, scheinen die Baumblätter größer. Bald sehen wir geschlüpfte Kastanienfinger.
Im Fenster nun Bellinzona, Castello Grande, mit den zwei Geschlechtertürmen. Warum Geschlechtertürme? Bei Gelegenheit muss ich bei Wikipedia nachsehen.
Grasende Ziegen stehen in einem lichten Wald.
In Lugano steigen wir aus. Im Park sind die Kamelien schon fast verblüht. Gibt es noch eine andere Pflanze bei der Blühen und Vergänglichkeit so dicht beieinander wohnen?
Die Weiterfahrt wird wieder mit Informationen angereichert. Der Luganer See gehört zu zwei Dritteln zur Schweiz, zu einem Drittel zu Italien. Die  Namen Morcote und Montagnola fliegen auf Straßenschildern vorbei. Wieviel Herrmann Hesse würde man spüren, wenn man hier austiege?

In Chiasso erreichen wir die Grenze zur Lombardei. Im industriellen Speckgürtel von Mailand wird die Landschaft reizlos. Da wird im Bus ein Film geboten.

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